Leseprobe
 
Leidenschaft hinter Orgelpfeifen
aus

Am Sonntag trieb eine Brise dicke Schäfchenwolken flott von West nach Ost, als wir zur Kirche gingen [Pater Edmund und ich, der Mönch Lazarus]. Dazwischen blitzte unregelmäßig die Sonne durch. Die Kirchenbänke waren so mager besetzt wie am Sonntag zuvor. Offenbar trieb es nur viele Leute in die Kirche, wenn jemand gestorben war, wie am vergangenen Freitag zur Trauerfeier. Ich setzte mich in die letzte Reihe, während Pater Edmund würdevoll nach vorn schritt und hinter der Tür zur Sakristei verschwand. Die Orgel summte über mir im Pianissimo, bis die Kirchenglocken läuteten. Nachdem die Glocken verstummten, trat Pfarrer Kern aus der Sakristei und ging zum Altar. Pater Edmund folgte ihm und nahm auf einem der wenigen Altarstühle platz.
     Der Gottesdienst verlief im üblichen Zeremoniell, bis Pater Edmund die Treppen zur Kanzel hinauf stieg. Seine donnernde Stimme, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, hallte in der Kirche wider und schreckte die wenigen Kirchenbesucher regelrecht auf. Alle reckten die Hälse und blickten zur Kanzel hoch, einige mit offenem Mund. Offenbar sollte man seine Predigt nicht nur in den Mauern des Gotteshauses vernehmen, sondern auch im letzten Winkel des Dorfes. Mit geschliffener Sprache begann er bei Adam und Eva, zitierte etliche alte Propheten, streifte Jesu Wirken und endete mit Worten des Apostel Paulus. Mehrmals fielen die Begriffe Himmel und Hölle, jeweils anschaulich darstellend. ...

     Zum Schluss seiner gewaltigen Predigt verkündete Pater Edmund, dass er am heutigen Tage auch die Beichte an Stelle von Pfarrer Kern abnehme, um ihn zu entlasten. Er betonte die Wichtigkeit der Beichte, die es jedem Reumütigen ermögliche, einen neuen und von Sünden freien Lebensabschnitt zu beginnen.
     Brav setzten sich nach dem Gottesdienst etliche ältere Frauen in die Bänke nahe am Beichtstuhl und warteten, bis das grüne Lämpchen aufleuchtete und sie eintreten durften.
     Ich stieg zur Empore hinauf und stellte mich neben den Spieltisch der Orgel. Melinda schaute auf und lächelte mich an. Sie spielte noch ein paar Takte, die Orgel verstummte, sie rutschte von der Bank und stand stumm neben mir. Dann trat sie zur Seite und winkte mir, ihr zu folgen. Sie öffnete eine schmale Tür neben der Orgel, die ich noch nicht bemerkt hatte. Sie winkte erneut, mit bittendem Blick einzutreten. Ich tat ihr den Gefallen und betrat einen düsteren, äußerst schmalen Gang direkt hinter den Orgelpfeifen. Keine zwei Menschen hätten in dem Hohlraum aneinander vorbei gehen können. Überall lag dicker Staub auf hölzernen Leisten und Hebeln. Unzählige kleine und große Orgelpfeifen standen senkrecht eingeschraubt oder eingeleimt, so genau konnte ich das nicht erkennen, aufgereiht. Zwischen den stattlichen Flöten konnte ich an einige Stellen durch schmale Schlitze hindurch und in das Kirchenschiff bis zum Altar sehen.
     Melinda schloss die kleine Tür hinter sich und trat dicht an mich heran. Ohne irgend ein Wort schlang sie überraschend ihre Arme um meinen Hals und drückte mich fest an sich. Sie hatte mich überrumpelt. Es war mir nicht unangenehm. Ich umschloss ihren schlanken Körper und vergrub meine Nase in ihrem duftenden dunkelblonden Haar. Meine Lippen wanderten tiefer, bis sie den Hals erreichten, auf den ich sie küsste. Sie schob mich sachte zurück und unsere Lippen fanden sich, zunächst sanft, dann heftig und immer wilder, als wollten wir einander auffressen. Auch unsere Zungen umspielten sich zärtlich, bis uns die Luft wegblieb. Wir sahen uns tief in die Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Dann pressten wir unsere Lippen wieder aufeinander und ich drückte sie behutsam an mich. In Filmen riss man sich bei derartigen Umarmungen die Kleider vom Leib, um den Akt zu vollziehen. Wir taten das nicht. Offenbar hinderte uns beide eine letzte Sicherung, die standhaft durchhielt.
     Keine Ahnung, wie lange wir uns liebkosten. Irgendwann standen wir an der Brüstung der Empore und schauten hinunter zum Beichtstuhl. Das rote Lämpchen leuchtete und zwei Frauen warteten auf Grün.
     »Du zuerst«, flüsterte Melinda mit einer Handbewegung zur Treppe.
     Ich stieg hinab, verließ die Kirche und ging zum Friedhof hinter dem Gebäude. Vor dem frischen Grab von Margit Schütze blieb ich stehen und betrachtete die Kränze, Schleifen, Gestecke und schier unübersehbar vielen Blumen, die man aufgeschichtet hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich jemand neben mich stellte, aber mit einem Meter Abstand. Es war Melinda.
     »Wie geht es weiter?«, flüsterte sie.
     »Leidenschaftlich«, antwortete ich spontan.
     Sie schwieg einen Augenblick, sagte dann »Amen«, drehte sich um und ging.
Ich sah weitere Leute auf dem Friedhof umher gehen und verharrte weiterhin in andächtiger Stille. »Amen« hallte es in mir nach. Hatte sie gebetet? Möglich. Aber »Amen« bedeutete allgemein »so sei es«. Was? Klar, unsere Leidenschaft. Darauf hatte sie geantwortet. Mit »Amen« hatte sie unser Begehren bekräftigt. Vor einigen Wochen hätte ich es noch für unmöglich gehalten, im Mönchsgewand hinter den Orgelpfeifen inbrünstig eine junge Frau zu küssen.
     Ein Schatten erschien neben mir. Aus dem Augenwinkel erkannte ich ein Habit. Pater Edmund hatte die Kirche verlassen und stand nun nahe bei mir.


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Leserstimmen:
»Also ich habe einen halben Tag und die Nacht zum Lesen gebraucht. Ich konnte nicht aufhalten. Unter welcher Kategorie lebt dieses Buch, ich meine ‚Liebeskrimiroman‘. Du hast es spannend, romatisch und mit Überraschungen gefüllt, also sehr gut gelungen.«
- Marianne Schmidt, 14. Jan. 2021

„... habe deinen spannenden Krimi fertig gelesen. Hat mir sehr gut gefallen.“
- Martina Mooren-Schneider, 13. November 2020

„Den Roman habe ich innerhalb von drei Tagen komplett von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Fand ihn echt gut, unterhaltsam und spannend.“
- Iris Halder, 29. Oktober 2020

„Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen ... der beste Staubach, den ich bisher gelesen habe."
- Peter Heilmann, 26. Oktober 2020


„Insgesamt finde ich den Roman in sich stimmig, spannend und unterhaltsam - und auch zu weitergehenden Gedanken anregend, ohne den moralischen Zeigefinger zu benutzen, sondern auf eine zum Teil heitere und zum Teil besinnliche Art und Weise.
Eine würdige Fortsetzung Deiner bisherigen Werke!!"
- Walter Haberl, Oktober, 2020

 
 

 

© Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Dienstag, 07-Jul-2026