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Geschichtsunterricht
in der Schule kann nerven, besonders, wenn eine Klassenarbeit
ansteht. Wann war der Dreißigjährige Krieg?
Wie hießen die Schiffe, mit denen Kolumbus Amerika
entdeckte? Warum trat Bismarck als Reichskanzler ab?
Und so weiter, und so weiter. Daten und Fakten, die
niemanden interessierten. Doch Olli gestaltete den Geschichtsunterricht
einzigartig, und kein Schüler wagte zu stören.
Bis auf ein Mal, aber das geschah unabsichtlich.
Olli nannten wir unseren
Lehrer, manchmal liebevoll, oft respektvoll und zuweilen
ein bisschen ängstlich. Er war ein Mann in den
besten Jahren und unterrichtete an der Glückstädter
Volksschule Deutsch, Mathematik, Physik, Geschichte
und was sonst noch an Volksschulen jener Zeit geboten
wurde. Nur beim Sport war Olli nie zu sehen.
Es geschah, als ich im
sechsten Schuljahr war. Auf dem Stundenplan stand Geschichte.
Olli hatte sich auf den Schreibtisch gesetzt und die
Beine baumeln lassen. Nur zum Geschichtsunterricht setzte
er sich auf den Schreibtisch, nie bei einem anderen
Unterrichtsfach. Jedes Mal wunderte ich mich über
seine dünnen Beine. Denn Olli war recht korpulent.
Doch seine Beine und Arme steckten wie nicht dazu gehörend
am runden Köper. Wenn er ging, fiel es nicht so
auf, weil er stets weite graue Anzüge trug. Dazu
Schlips und Kragen, was um 1960 bei Lehrern üblich
war. Doch wenn Olli sich auf den Schreibtisch setzte
und seine Beine baumeln ließ, dann entstand zwischen
dem Hosensaum und den Schuhen eine Lücke, in der
die weißen Streichholzbeine hervor leuchteten.
Jeder Lehrer hat seine
Methode, die Schüler zu disziplinieren. Wir hatten
beispielsweise einen, der uns stolz seinen neu erworbenen
Rohrstock zeigte und ausführte, wie er zur Anwendung
kommen würde. Er ließ es nicht nur bei der
Demonstration, der Rohrstock kam tatsächlich zum
Einsatz. Damals war die Prügelstrafe in der Schule
noch gang und gäbe.
Olli disziplinierte die
Schüler mit seiner Stimme. Nie wurde er handgreiflich.
Seine Stimme reichte. Die wurde dann nicht nur einfach
laut, er brüllte wie ein Löwe. Hatte er zuvor
noch in Zimmerlautstärke gesprochen, so donnerte
er plötzlich los, dass buchstäblich die Scheiben
klirren. Sein Organ vernahm man im gesamten Schulgebäude
und auf dem Schulhof bei geschlossenen Fenstern und
Türen. - Nach so einem Ausbruch herrschte Ruhe,
und alle Schüler waren eingeschüchtert. Ollis
Methode, für Ruhe zu sorgen, funktionierte.
Im Geschichtsunterricht
kamen derartige Ausbrüche nicht vor, bis auf das
eine Mal. Seiner Meinung nach sollten die Schüler
etwas über die historischen Ereignisse erfahren.
Olli setzte sich auf den
Schreibtisch und erzählte Geschichte. Das konnte
er so interessant, dass alle aufmerksam zuhörten.
Er berichtete mit ruhiger Stimme auf eine Art und Weise,
als wäre er selber dabei gewesen. Ein Bericht aus
erster Hand, sozusagen. Dabei spielte es keine Rolle,
ob er von den Germanen, den Römern oder dem Dritten
Reich berichtete. Er wusste unglaublich viele Details
über die historischen Ereignisse. In der Klasse
war es stets mucksmäuschenstill, niemand schlief,
alle lauschten gespannt.
Auch Axel war offenbar
von der Erzählung so fasziniert, dass er nicht
mehr darauf achtete, was er unter der Schulbank tat.
Er hatte eine Patrone mitgebracht und stocherte mit
der Zirkelspitze daran herum. Ich sah, was er tat, dachte
mir aber nichts dabei. Nach Manövern der Marine
oder des Heeres konnte man hin und wieder in der Umgebung
derartige Patronen finden, die die Soldaten in ihren
Gewehren verwendeten. Gewöhnlich waren sie leer,
kleine Blechhülsen, die an einer Seite offen waren.
Doch Axel hatte eine Patrone
gefunden, die noch verschlossen war. Plötzlich
knallte es, und Axel war in eine bläuliche Rauchwolke
gehüllt. Olli erkannte sofort den Übeltäter,
sprang vom Schreibtisch und brüllte Axel an, dass
allen Schülern das Blut in den Adern gefror.
Axel blieb unverletzt.
Auch sonst war niemand zu Schaden gekommen. Nachdem
sich der Rauch verzogen hatte und Olli wieder Zimmerlautstärke
anschlug, verkündete er das Strafmaß: vierzig
Seiten eines Schulheftes Zeile für Zeile voll schreiben
mit dem Satz: Ich darf den Unterricht nicht stören.
Axel blickte verstört.
Die Strafe war hoch, aber nicht ungerecht und außerdem
machbar. Ein ganzes Schulheft vollschreiben in zwei
Tagen.
Nach einer kleinen Pause
machte Olli einen Alternativvorschlag. Im städtischen
Kino laufe gerade der Film »Die Feuerzangenbowle«.
Er habe den Film mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle
bereits gesehen. Er basiere auf dem gleichnamigen Roman
von Heinrich Spoerl. Das sei ein wunderbarer Film über
einen erfolgreichen Schriftsteller, der inkognito wieder
zur Schule gehe und dort allerlei Unsinn anstelle. Deshalb
schlage er vor, dass Axel die Strafarbeit nicht zu schreiben
brauche, wenn er die gesamte Schulklasse in den Film
einlade.
Axels Augen leuchteten
auf. Die Schüer jubelten. Allerdings, so viel Taschengeld
hatte Axel nicht, um die über vierzig Jungen in
der Klasse einzuladen. Olli meinte, er solle wegen des
Geldes mit den Eltern reden. Axels Eltern waren zwar
keine Millionäe, gehöten aber zu den Wohlhabenden
in Glükstadt.
Am nächsten Tag verküdete
Axel, dass seine Eltern ihm das Eintrittsgeld fürs
Kino vorschießen wüden. So traf sich also
die gesamte Schulklasse mit Olli am Samstagnachmittag
vor dem Kino der Stadt. Großartig.
...
Eine
Geschichte aus meinem Buch:
"Ermunterung ist steuerfrei und andere Geschichten".
Als
Taschenbuch und eBook im Handel.
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