Leseprobe
      
 
Wissenschaft und Religion
aus

Hintergrund: Die Journalistin Gunda Schönwetter besucht den Elektroingenieur und Tüftler Roy Drömer in Frankreich. Sie will als erste über dessen bahnbrechende Erfindung berichten, die noch in den Kinderschuhen steckt. Roy Drömer ist religiös. Sie begleitet ihn sonntags in seine Kirche, wo auch ein Physiker zu den Anwesenden spricht, der im CERN forscht.

 

Sie gingen durch eine gläserne Eingangstür in einen hellen, fast weißen Vorraum. Ein älterer Herr begrüßte sie freudig lächelnd und sagte dann: »Das Vorspiel hat schon begonnen.« Er öffnete eine hölzerne Tür und sie betraten die Kapelle, Roy voraus. Nachdem er sich umgeschaut hatte, deutete er auf die vorletzte Stuhlreihe, in der es noch etliche freie Sitzplätze gab.
     »Ganz schön voll hier. Und so viele kleine Kinder«, flüsterte Gunda, blickte um sich und sah zum Podium. »Gibt es hier kein Kreuz?«
     »Nein«, erwiderte Roy. »Lass uns später darüber sprechen. Genießen wir das Vorspiel.«
     »Und wo ist der Altar?«
Roy legte sanft und kurz seine Hand auf ihren Unterarm und lächelte. Gunda schwieg und sah sich weiter um. An der Rückwand blickte sie durch mannshohe Glasfenster in einen hellen Raum, in dem eine junge Mutter das Baby auf dem Arm vermutlich in den Schlaf wiegte. Nachdem die Orgel verklungen war, trat ein Mann in einem ganz gewöhnlichen dunklen Anzug, weißem Hemd und grün-weiß gestreifter Krawatte ans Rednerpult, drückte das Mikrofon auf die Höhe seines Mundes, und begrüßte die Gemeinde.
     »Das ist unser Bischof«, flüsterte Roy zu Gunda.
     »Bischof?« Gunda sah zu dem Mann und kräuselte die Nase. »Und wo ist seine Bischofsmütze, die Mitra?« Sie grinste. »In der Waschmaschine?«
     »Bischofsmützen gibt es hier nicht«, raunte Roy. »Das ist eine Erfindung der Katholiken etwa eintausend Jahre nach Jesu Kreuzigung. Weder Christus, noch Petrus, Paulus oder sonst einer der alten Apostel trugen eine Mitra.«
     Eine Dame in der Stuhlreihe vor ihnen versuchte sich zu den Flüsternden umzudrehen. Doch es wollte aufgrund ihrer Leibesfülle nicht recht gelingen. Der Bischof sprach französisch und Gunda versuchte zu verstehen, worum es ging.
Anschließend sang die ganze Gemeinde, laut und kräftig. Ohne ein weiteres Wort trat nach dem letzten Ton eine junge Frau ans Rednerpult, senkte den Kopf und sprach ein Gebet. Gunda schnappte nur die eine oder andere Vokabel auf. Als nach dem allgemeinen Amen, der Bischof wieder das Wort ergriff, verstand sie nur, dass jetzt irgendetwas mit einem Kind geschehen sollte. Mit gerecktem Hals beobachtete sie, was dann vor sich ging.
     Eine junge Frau und ein Mann erhoben sich in der ersten Stuhlreihe. Sie trug einen Säugling auf dem Arm und schritt die langsam ansteigende Schräge für Gehbehinderte zum nur wenig erhöhten Podium hinauf, obwohl sie gar nicht körperlich behindert schien. Rechts neben dem Rednerpult hatten sich inzwischen drei Männer aus dem Publikum eingefunden, die neben dem Bischof standen. Die junge Mutter übergab den Säugling ihrem Begleiter und Ehemann, wie Gunda später erfuhr, und ging auf ihren Platz zurück. Die Männer gruppierten sich um das Baby und legten ihre Hände unter es, als wollten sie es gemeinsam tragen. Der Bischof zog sich zurück und gab einem weiteren Mann mit einem Mikrofon an einem Stativarm in der Hand ein Zeichen. Der hielt daraufhin das Mikrofon dem jungen Vater vor den Mund. Laut und deutlich konnten alle Anwesenden hören, was er sagte. Gunda vernahm, dass er dem Kind den Namen Annabelle Christina gab, anschließend noch etwa eine Minute sprach und mit Amen endete. Die Gruppe öffnete sich zu den Anwesenden, der Vater lächelte und hob den Kopf seiner kleinen Tochter etwas an, damit die Gemeinde das schlafende Kind sah. Es ging ein leises Raunen durch die Kapelle. Alle an der Zeremonie Beteiligten nahmen wieder ihre Plätze ein.
     Gunda fühlte sich schlagartig unwohl. In ihrem Bauch krampfte sich etwas zusammen, als habe sie Verdorbenes gegessen. Da waren sie wieder, unpassend wie stets, die aufwühlenden Gedanken. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie damals nicht nach Holland gefahren wäre? Es brachte überhaupt nichts, darüber nachzudenken. Sie hatte es getan, mit sechzehn Jahren. Niemand konnte etwas daran ändern. Hatte sie eine Wahl gehabt? Natürlich, man hat immer eine Wahl. Doch damals sah sie nur einen Weg, einen einzigen. Aber - warum verschwand die Erinnerung nicht einfach auf nimmer wiedersehen? Es gab doch unzählig anderes, an das sie sich nicht erinnern konnte. Warum tauchte das Geschehen in Holland immer wieder auf? Es lag doch schon weit über zehn Jahre zurück?
     »Das war eine Kindersegnung«, flüsterte Roy zu Gunda und unterbrach damit ihre Gedanken, die er nicht bemerkt hatte.
     Gunda hoffte, mit einer Frage ihre Gefühlswallungen aufzulösen, was auch gelang, indem sie fragte: »Warum wurde die Segnung nicht vom Bischof ausgerichtet?«
     »Später. Jetzt wird das Abendmahlslied gesungen und das Abendmahl ausgeteilt.«
     Am Abendmahlstisch links vom Rednerpult hantierten zwei junge Männer, der eine kniete nieder und sprach ein Gebet. Gunda hatte nun erwartet, dass sich die Mitglieder nach vorn begaben, um ihre Oblate in Empfang zu nehmen. Sie würde nicht nach vorn gehen, denn die unguten Gefühle hallten noch nach. Doch keine Menschenseele erhob sich, außer vier Knaben, die je mit einer Schale vom Abendmahlstisch zu den Stuhlreihen kamen. Sie reichten dem jeweils Ersten in der Reihe das Gefäß, aus dem der oder die sich ein Stückchen Brot nahm und die Schale an seinen Sitznachbarn weiterreichte. Am Ende der Reihe stand ein Junge, der das Gefäß entgegennahm und damit an die übernächste Reihe trat. Auf diese Weise hatte jeder Anwesende die Möglichkeit, sich ein Stückchen Brot aus der Schale zu nehmen, ohne seinen Platz zu verlassen. Nachdem alle einen kleinen Brocken des ganz gewöhnlichen Weißbrots gegessen hatten, trugen die Knaben die mit einem Griff versehenen Schalen zurück zum Abendmahlstisch. Auf die gleiche Weise wurde das Getränk an die Anwesenden verteilt. Dafür hatten die Schalen einen doppelten Boden. In Löchern steckten im oberen Boden winzige Plastikgläser. Gunda schaute Roy mit einem langen Gesicht an, nachdem sie ihr Gläschen geleert hatte. Der schmunzelte sie an. Später erfuhr sie, dass sie tatsächlich Wasser und nicht Wein getrunken hatte.
     Der Bischof trat nach dem Abendmahl wieder ans Rednerpult und kündigte an, dass nun zwei Mitglieder eine Ansprache halten würden. Die erste Sprecherin war ein junges Mädchen von etwa vierzehn Jahren. Sie sprach so schnell und verwendete französische Wörter, die Gunda unbekannt waren. Sie konnte nur mutmaßen, worum es ging und schaltete nach kurzer Zeit innerlich ab. Danach trat ein etwa vierzigjähriger Mann ans Mikrofon und redete in englischer Sprache zur Gemeinde. Der Bischof stellte sich neben ihn und übersetzte die Ansprache absatzweise ins Französische.
     »Das ist ein Physiker aus den USA, der hier im CERN forscht und nur ein paar Wochen hier ist«, flüsterte Roy zu Gunda.
     »Und warum darf der hier predigen?«
     »Er ist auch Mitglied der Kirche.«
     Gunda nickte, sah zum Rednerpult und kniff die Augen ein wenig zusammen. Der Physiker sprach über Eingebungen des Geistes. Sie verstand recht gut, worum es ging, weil sie es in zwei Sprachen hörte. Nach der Ansprache erhoben sich alle Anwesenden und sangen gemeinsam ein Lied zur Begleitung durch die elektronische Orgel. Die Schlussansprache hielt ein älterer Mann jenseits der siebzig, vermutete Gunda, weil er auf einem Krückstock gestützt ans Mikrofon trat. Bei dessen Französisch schaltete sie wieder ab, weil es stark von einem ihr unbekannten Dialekt durchsetzt war.
     »Das war eine interessante Erfahrung«, sagte Gunda zu Roy, als sie nach dem Gottesdienst im Auto Richtung Genf fuhren. »Anders, als die Gottesdienste, die ich bisher erlebte. Aber angenehm. Mich haben sogar einige angesprochen und eingeladen, nächsten Sonntag wieder zu kommen.«
     »Freut mich, dass du dich nicht bedrängt fühltest.«
     »Wieso, die waren doch alle freundlich zu mir.«
     »Ich bemerke immer wieder, dass Leute nicht in unseren Gottesdienst kommen, weil sie nicht wissen, was da auf sie zukommt. Als hätten sie Angst. Und die Furcht wird gerne von sogenannten Sektenbeauftragten geschürt.«
     Gunda lachte. »Sektenbeauftragte. Das ist vielleicht absurd, wofür die großen Kirchen da bezahlen. Und das Volk fällt darauf rein, ohne es zu merken. Ich war mal bei so einer Veranstaltung in Kegelbergen. Wie kann man einen Beauftragten der katholischen Kirche fragen, ob die Neuapostolen bessere Christen sind. Ist doch logisch, was der antwortet nach dem Motto: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.«
Roy lächelte: »Das hast du klar durchschaut. Man fragt ja auch nicht den Bäcker, ob das Brot bei seinem Konkurrenten besser ist, sondern kauft einfach mal da und dort, um sich ein Urteil zu bilden.«
     »Du wolltest mir noch erklären, warum es bei euch in der Kirche keinen Altar gibt«, sagte Gunda. »Den gibt es doch in allen christlichen Kirchen.«
...

     »Mir geht noch ein Satz des Amerikaners nach«, unterbrach Gunda, bevor Roy womöglich mehr über den Altar ausführen konnte. »Er zitierte in der Ansprache einen Propheten Young und sagte, dass alle Weisheit und alle Künste und Wissenschaften in der Welt von Gott sind. Glaubst du das?«
     »Ja sicher. Er zitierte Brigham Young, der vor über hundert Jahren lebte und in etwa sagte: Von Gott hat jeder Astronom, jeder Künstler und Mechaniker, der je auf Erden gelebt hat, seine Erkenntnis. – Neue Ideen, neue Erfindungen kommen ja nicht aus dem Nichts. Im Nichts ist nichts. Deshalb nennt man es ja das Nichts.«
»Moment mal, Gott schuf doch die Erde aus dem Nichts, laut Bibel«, wandte Gunda ein.
     »Das ist ein verbreiteter Irrtum«, erwiderte Roy. »Wenn man die Bibel genau liest, kommt man dahinter, dass Gott die Erde nicht aus dem Nichts schuf. Da heißt es doch gleich in den ersten Zeilen der Bibel: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Kein Wort davon, dass er Himmel und Erde aus dem Nichts schuf. Und eine oder zwei Zeilen weiter ist zu lesen, dass Gottes Geist über dem Wasser schwebte. Wo kam das Wasser her? Hat er es aus dem Nichts erschaffen? Kein Wort darüber in der Bibel. Hinzu kommt, dass Gott als Schöpfer bezeichnet wird, der die Schöpfung vollendete, laut Bibel. Unter Schöpfen versteht man allgemein, dass man beispielsweise Erbsensuppe mit einer Kelle oder einem entsprechenden Gerät aus einem Topf in einen Teller schöpft. Wenn aber nichts im Topf ist, kann nichts geschöpft werden. Bei der Erschaffung der Erde schöpfte Gott demzufolge. Anders ausgedrückt, er schöpfte etwas, was schon vorhanden war und schuf daraus die Erde mit allem, was dazugehört.«
...

     »Hm«, machte Gunda. »Kommen wir noch mal auf die Inspiration zu Erfindungen zurück. Dann bedeutet das ja, dass Gott auch die Erfinder von Pistolen, Giftgas und der Atombombe inspirierte. Ist er dann nicht auch verantwortlich für all das Unheil, das die Waffen anrichten?«
     »Nein«, erwiderte Roy trocken. »Es kommt immer auf den Gebrauch aller Erfindungen an. Nehmen wir beispielsweise ein ganz einfaches Werkzeug, den Hammer. In jedem Werkzeugkasten gibt es mindestens einen. Manche sind groß, andere winzig. Man kann damit einen Nagel in die Wand schlagen und ein wunderschönes Bild daran aufhängen. Mit einem Hammer kann man aber auch jemandem den Schädel einschlagen, was gelegentlich vorkommt. Und so verhält es sich mit allen Erfindungen. Man kann sie zum Nutzen der Menschen einsetzen, aber auch zur Vernichtung. Jede Sache hat zwei Seiten. Das hat Gott so eingerichtet, damit man sich entscheiden kann. Sonst könnte man das Gute gar nicht erkennen.«
     »Und wo liegt der Nutzen bei der Erfindung der Atombombe?«, hakte Gunda nach ...

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Fortsetzung im Roman: »Gunda und das strahlende Erbe«
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© Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Dienstag, 29-Mär-2022