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Demonstration in Kegelbergen
aus
Einführung: Während eines Urlaubs in der Bretagne trifft die Journalistin Gunda Schönwetter den Elektroingenieur Roy Drömer, der am Strand die Erleuchtung für eine neue und unerschöpfliche Energiequelle hat. Gunda wittert die Story ihres Lebens und bleibt ihm auf den Fersen. Denn der Tüftler will erst Details offenlegen, wenn seine Erfindung ausgereift ist. Gleichzeitig kommt es in Gundas Heimatstadt Kegelbergen zu Protesten und Gewalttaten, nachdem Gerüchte die Runde machen, dort ein Endlager für den radioaktiven Abfall aus Kernkraftwerken einzurichten.
 

     »Sag bloß, du bist wegen dieser irren Demo so schnell aus Frankreich zurückgekommen?«, redete Wanda auf ihre Tochter nach der Begrüßung in Kegelbergen ein.
     »Ja, wann gibt es schon mal eine Demo hier? Da muss ich dabei sein.«
     »Das ist doch gefährlich«, zeterte Wanda. »Lauter Irre wollen durch die Stadt marschieren. Man kennt das doch aus dem Fernsehen. Da werden Polizisten angegriffen, Pflastersteine rausgerissen, Schaufensterscheiben eingeschlagen und Läden geplündert. Ich mag gar nicht daran denken. Und da willst du hin?« ...

     Als Gunda den Marktplatz erreichte, quoll er bereits über. Und immer noch strömten Leute hin, als würden dort Goldbarren verschenkt. Sie hatte nicht erwartet, dass sich schon zwanzig Minuten vor dem offiziellen Kundgebungsbeginn so viele Menschen um die beste Position drängeln würden. Mit spitzen Ellenbogen und energischem Blick wuselte sie sich durch die Menschenmenge. Irgend jemandem schien sie auch auf den Fuß getreten zu haben. Den nachgerufenen Fluch beachtete sie nicht. Warum auch, sie trug keine Schuhe mit Pfennigabsätzen, sondern platte Sneakers und wog gerade mal 65 Kilogramm. Der Typ sollte sich nicht so anstellen. Endlich stand sie in der ersten Reihe seitlich vorm Rednerpult.
     Frau Bettina Schuhmacher begrüßte wie am Montag die Menschenmenge. Diesmal fügte sie mit Tränen in den Augen hinzu, dass der Kampf gegen den Atommüll schon ein Todesopfer gefordert habe, ihren Ehemann. Ein Raunen ging durch den Massenauflauf ...

     Nach Begrüßung und Ankündigung sprach wieder der glattrasierte Mann mit den schulterlangen, braunen, glatten Haaren zur Menge. Er brachte dieselben Argumente vor, wie schon in seiner Ansprache am Montag. Der Glattrasierte fasste sich allerdings kürzer und übergab dann Bürgermeister Simon Wächter den Platz am Rednerpult.
     Das Stadtoberhaupt trat ans Mikrofon und zwinkerte Gunda zu, noch vor seinem ersten Wort. Offenbar hatte er seine Nichte schon früher bemerkt. Gunda zwinkerte zurück. Mit ruhiger Stimme und wohlgesetzten Pausen versicherte der Bürgermeister dem versammelten Volk, dass er bereits erste Schritte unternommen habe, um ein Atommüllendlager in Kegelbergen zu verhindern. Er bedankte sich für die vielen Unterschriften gegen den Atommüll in der Stadt und im schönen Hegau. Sogar aus der nahen Schweiz habe er Unterstützung bekommen.
     »Sind ein paar Schweizer hier?«, fragte Bürgermeister Wächter in die Runde blickend.
     »Hier!, hier!«, erschallte es links neben dem Rednerpult, vier kleine rote Fahnen mit einem weißen Kreuz in der Mitte schossen empor und wurden wild geschwenkt. Die Schweizer erhielten tosenden Applaus von den Versammelten. Gunda fotografierte die Eidgenossen. Sie standen nicht weit von ihr, eine johlende kleine Gruppe von etwa sechs oder sieben jungen Männern und drei Frauen.
     »Mein Vorredner hat Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger, deutlich vor Augen geführt, welche gesundheitlichen Schäden drohen, wenn der Atommüll einfach so abgestellt wird wie seinerzeit in der Asse. Ja, heute ist die neue Höhle auf unserem Stadtgebiet noch trocken und vermutlich sogar sicher. Aber wie sieht das morgen aus? Wer kann garantieren, dass sich kein Spalt bildet und dann Wasser einsickert? Niemand. Nicht auszudenken, wenn unser gutes Grundwasser plötzlich kontaminiert ist. Die Herren von der BGE, der Bundesgesellschaft für Endlagerung sagten mir, dass weitere Messungen notwendig seien, um zu ermitteln, ob sich die Höhle als Endlager eigne. Auf jeden Fall sei sie als Zwischenlager für einige der Fässer mit Atommüll aus dem Salzbergwerk Asse brauchbar. Wollen wir hier angerostete Fässer aus der Asse?«
     »Nein!«, schrien etliche Zuhörer. Und jemand stimmte den Schlachtruf vom Montag an: »Kein Atommüll hier in Kegelbergen!« Erst einige wenige, dann immer mehr der Versammelten auf dem Marktplatz wiederholten: »Kein Atommüll hier in Kegelbergen!«
     Bürgermeister Wächter ließ die Rufer kurze Zeit gewähren und hob dann beide Arme: »Richtig, liebe Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen keinen Atommüll in unserer schönen Stadt. Auch kein Zwischenlager. Als man die Fässer in der Asse deponierte, glaubte man, sie seien dort sicher für die nächsten tausend Jahre und mehr. Und nun steht fest, die müssen dort schleunigst raus, um weiteres Unheil zu verhindern. Die Endlagerbehörde will den Müll gleich neben der Asse zwischenlagern. Doch es gibt Widerstand aus der Bevölkerung. Es hat sich eine Asse-Gegner-Gruppe gebildet, die aufs Schärfste protestiert. Deshalb sucht man nun bundesweit nach geeigneten Standorten für das Zwischenlager. Ich bin entschieden dagegen, hier bei uns ein Zwischenlager für den Atommüll einzurichten. Und ich werde alles Erdenkliche tun, um es zu verhindern. Denn wenn der Müll erst einmal hier ist, kann es Jahrzehnte dauern, bis wir ihn wieder los sind.«
     »Richtig!«, brüllte ein Mann aus der Menge. Und sogleich stimmte wieder jemand den Schlachtruf an: »Kein Atommüll hier in Kegelbergen.«
     »Und noch etwas dürfen wir nicht aus den Augen verlieren«, setzte Bürgermeister Wächter seine Rede fort. »Was wird mit den örtlichen Gewerbebetrieben geschehen? Ich kann es euch sagen, ohne ein Prophet zu sein: Sie werden eingehen! Wie Primeln im Sonnenschein und ohne Wasser werden sie dahinwelken. Denn niemand wird hier herziehen, um freigewordene Arbeitsplätze einzunehmen. Kein neues Unternehmen wird sich hier bei uns ansiedeln. Die Furcht verstrahlt zu werden wird jeden davon abhalten hierher zu kommen. Alle werden einen Bogen um unser schönes Hegau machen. Haben Sie die Berichte über Tschernobyl im Fernsehen verfolgt. Das Zeug im Reaktor strahlt immer noch heftig. Der einst errichtete Schutzschild bringt es nicht mehr. Ein neuer musste erbaut werden. Können Sie sich das vorstellen, ein Betongewölbe über Kegelbergen?«
     Nun übertreibt er aber, dachte Gunda und sah sich um. Blankes Entsetzen stand in einigen Gesichtern.
      »Ich mag gar nicht an den Tourismus denken«, setzte Bürgermeister Wächter seine Rede fort. »Auch wenn keine Gesundheitsschäden aufgrund des eingelagerten Atommülls ermittelt werden können. Wird dann noch jemand zu uns kommen? Wird dann noch jemand hier Urlaub machen? Die Hotels, Ferienhäuser und Gaststätten können dicht machen. Das spricht sich doch herum, dass wenige Meter entfernt strahlender Atommüll lagert.«
     Bürgermeister Wächter malte die Zukunft mit weiteren Beispielen in dunklen Farben aus und betonte immer wieder, dass jetzt entschieden gehandelt werden müsse. Das Volk stimmte ihm erneut mit Zwischenrufen zu. Nach seiner Ansprache trat noch einmal der Glattrasierte ans Mikrofon und rief zum Demonstrationszug durch die Stadt auf: »Folgen Sie bitte dem blauen Polizeiwagen da drüben.«
     In der Nähe des Polizeiautos hatten offenbar einige der Demonstrations-Organisatoren gestanden. Denn gleich nachdem sich das Auto in Richtung Himmelreichstraße in Bewegung setzte, skandierte eine kleine Gruppe lautstark: »Kein Atommüll hier in Kegelbergen!«
Langsam setzte sich die Volksmenge in Bewegung. Wie aus dem Nichts erschienen Polizisten links und rechts der Demonstranten und folgten ihnen durch die enge Hauptstraße in die Himmelreichstraße hinauf. Etwa fünfzig Meter nach der Kirche knallte es plötzlich, nicht besonders laut, aber bis zum Marktplatz hörbar, wo noch die Hälfte der Volksmenge stand. Die Demonstranten erstarrten für einen Augenblick.
     »Feuer!«, kreischte eine Frauenstimme.
     Die Erstarrten schauten wild umher. Gunda sah eine kleine Qualmwolke über den Demonstrierenden kurz hinter der Zugspitze wabern. Menschen hetzten durcheinander und flüchteten sich in Seitenstraßen. Gunda rannte Richtung Qualm ...

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Fortsetzung im Roman: »Gunda und das strahlende Erbe«
Als Taschenbuch und E-Book im Handel.

 


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© Copyright by Reinhard Staubach - Aktualisiert: Dienstag, 29-Mär-2022